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Presseerscheinung AZ: Zwischen Verzweiflung und Kampfgeist

erschienen am 11. März 2010

Ältere profitieren kaum vom Aufschwung. DGB kritisiert „Jugendwahn“

von Christian Mühlhause


Presseerscheinung 11.03

Gerlinde Aumiller (60) und ihr neuer Chef Herbert Neukirch.

Wenn Agenturchef Reinhold Demel bei seinen monatlichen Arbeitsmarktberichten auf die über 50-Jährigen zu sprechen kommt, verfinstert sich seine Miene. „Man fragt sich angesichts der Vermittlungsprobleme bei den über 50-Jährigen schon, ob die Wirtschaft schläft oder der Fachkräftemangel wirklich besteht. Positive Beispiele sind die Ausnahme.“ Bei der Agentur sind seit mehr als zwei Jahren stets über 5000 Personen aus diesem Alterssegment gemeldet. Ähnlich wie Demel sieht es auch Augsburgs DGB-Chef Helmut Jung: „Der Jugendwahn in den Firmen ist nach wie vor enorm. Zwischen den Sonntagsreden und der Wirklichkeit liegen Welten“, so der Gewerkschafter.

20 Jahre im Außenhandel

Hinter den Zahlen stehen auch Schicksale, so wie das von Anton Haberl. Seit zwei Jahren sucht der 48-Jährige einen Job. Über 20 Jahre hat er zuvor als Außendienstler im Großhandel gearbeitet. „Ich weiß, dass es in meiner Branche schwierig ist, etwas zu finden, deswegen würde ich auch als Staplerfahrer arbeiten oder andere Aufgaben übernehmen.“ Auf schriftliche Bewerbungen folgten bislang nur zwei Einladungen. Etwas ergiebiger sei das persönliche Aufsuchen der Firmen gewesen. „Da kam es immerhin hin und wieder zu Gesprächen. Eine Stelle ist aber leider nicht herausgesprungen.“ Zeitarbeitsfirmen kommen für ihn nicht infrage. Er finde dieses „Konzept falsch“, erklärt Haberl.

Dass es auch anders geht, beweist unter anderem die Umzugsspedition Fritz Hendrich aus Lechhausen. Firmeninhaber Herbert Neukirch (53) stellte drei Arbeitssuchende jenseits der 50 Jahre ein, die ihm die Förderagentur Augsburg vermittelte. Einer davon Peter Obermeier. Der 51-Jährige war insgesamt acht Jahre arbeitslos. Neukirch teilte ihn als Lkw-Fahrer für Schichten zwischen 19 und 1 Uhr morgens ein, weil dann der Verkehr und der Zeitdruck geringer sind. „Es ist sehr schwierig, bei so langer Arbeitslosigkeit nicht zu verzweifeln. Ich bin froh, wieder mein eigenes Geld verdienen zu können“, so Obermeier.

Bekannte räumten ihr wenig Chancen ein

Begeistert von seinen älteren Mitarbeitern, die ihm die Förderagentur Augsburg vermittelt hat, ist auch Neukirch. Seine Bürokraft Gerlinde Aumiller bezeichnet er als „Koryphäe“. Zunächst war sie halbtags angestellt, suchte sich aber selber immer mehr Arbeit und hat jetzt einen Vollzeitjob.

Aumiller mag kein typischer Fall sein, schließlich arbeitete die gelernte Industriekauffrau fast ihr ganzes Berufsleben im Familienbetrieb. Im Dezember 2009 mussten sie diesen wegen der Krankheit ihres Mannes schließen. Ihre Gedanken glichen aber denen von Altersgenossen. „Ich hatte wenig Hoffnung, mit damals 59 Jahren einen Job zu finden. In meinem Bekanntenkreis haben auch alle gemeint, mit meinem Alter nehme mich sowieso keiner mehr“, erinnert sie sich. Anfangs habe sie überlegt, dauerhaft daheim zu bleiben, doch das wurde ihr zu langweilig. Nach einigen Monaten ging sie zur Agentur für Arbeit und bat um einen Auffrischungskurs. „Ich hatte mich 40 Jahre nirgends mehr beworben und keine Ahnung, was ich beachten muss.“ Nur drei Wochen nach Kursbeginn fing sie bei der Spedition an.

Für Neukirch ist das Alter zweitrangig, sagt er. Wichtig seien vor allem drei Dinge: Pünktlichkeit, Höflichkeit und Mitdenken. Mehr als die Hälfte seiner Mitarbeiter sind über 50 Jahre. Für das Konzept wurde er vergangenen November vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales bei einer Feier in Bremen als „Unternehmen mit Weitblick“ ausgezeichnet. „Sehr stolz“ ist er darauf.

Verband spricht von 500000 fehlenden Arbeitskräften in 2015

Dass es immer mehr Unternehmer wie Neukirch gebe, betont Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. „Derzeit vollzieht sich in der Frage der Beschäftigung älterer Mitarbeiter ein Mentalitätswandel. Inzwischen besteht ein gemeinschaftliches Bewusstsein, dass das Wissen und die Erfahrung älterer Mitarbeiter unverzichtbar sind und der demografische Wandel den Einsatz Älterer dringend erfordert. Allein in Bayern werden uns bereits 2015 rund 500000 Arbeitskräfte fehlen.“

Dass seine Arbeitskraft zeitnah wieder gebraucht wird, hofft auch Haberl. „Aufgeben kommt nicht infrage. Ich glaube an meine Chance und hoffe, dass es schnell geht und nicht drei Jahre dauert.“

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